Ist das Eisbad immer das beste Mittel zur Regeneration? Eine neue, in „Frontiers“ veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit untersucht genauer, was das Eintauchen in kaltes und warmes Wasser tatsächlich bewirken kann, und deckt dabei deutliche Auswirkungen auf die körperliche Anpassung, die Schlafqualität, hormonelle Reaktionen und die Widerstandsfähigkeit der Zellen auf.
Die systematische Übersichtsarbeit „Auswirkungen von Warm- und Kaltwasserbädern nach dem Training auf die Leistungserholung und physiologische Marker bei Sportlern“, die am 3. Juli 2026 in „Frontiers in Sports and Active Living“ in der Rubrik „Elite Sports and Performance Enhancement“ veröffentlicht wurde, stammt von Juan Bustos Carvajal, Elkin Pérez Hurtado, Mónica Bustos Carvajal, Diego Mauricio Celis Villamizar und Florencio Arias Coronel, Forscher, die hauptsächlich an der Universität von Pamplona in Kolumbien tätig sind, und untersucht die verfügbaren Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Warm- und Kaltwasserbädern nach dem Training auf die Erholung und wichtige physiologische Marker bei Sportlern.
Für Anhänger der Wim-Hof-Methode ist die Kälte weit mehr als nur ein einfacher Erholungstrick. Wir begeben uns in die Kälte, um unseren Geist zu trainieren und unser Nervensystem zu beherrschen. Diese Sichtweise deckt sich weitgehend mit einem umfassenderen Gedanken, der den Praktiken der Kälteexposition zugrunde liegt: dass ein kontrollierter Umweltstressor zu einem Anpassungsreiz werden kann. In der Sportmedizin tobt jedoch weiterhin eine Debatte über die physiologischen Vorteile der Wassertemperatur, wobei Sportler sich fragen, ob das Eintauchen in kaltes Wasser (CWI) oder in heißes Wasser (HWI) die bessere Wahl für die Erholung nach dem Training ist.
Um dem auf den Grund zu gehen, wurden in einer in der Fachzeitschrift „Frontiers“ veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeit randomisierte klinische Studien bis Dezember 2024 ausgewertet. Die Forscher analysierten, wie aktive Menschen und Sportler auf Temperaturen reagieren, die von kühler Kälte (8–15 °C) bis zu wohltuender Wärme (38–42 °C) reichen.
Die Kälte als Lehrmeisterin der zellulären Widerstandsfähigkeit
Für Anhänger der Wim-Hof-Methode ist dieses Konzept , Kälte als Reiz zur Anpassung zu nutzen , sicher nichts Neues. Die Kälte ist nicht einfach nur etwas, das man ertragen muss, sondern ein kontrollierter Stressfaktor, der Körper und Geist herausfordert. Auch wenn sich diese Übersicht nicht mit der Wim-Hof-Methode selbst befasst, bieten ihre Ergebnisse doch eine interessante Perspektive auf einige der physiologischen Anpassungen, die mit wiederholter Kälteexposition einhergehen.
Die Forscher fanden heraus, dass wiederholtes Eintauchen in kaltes Wasser über einen Zeitraum von vier Wochen die Ausgangswerte des Hitzeschockproteins 72 (HSP-72) deutlich erhöhte. Als zellulärer Marker, der mit thermischem Stress und proteostatischer Anpassung in Verbindung steht, deutet HSP-72 darauf hin, dass wiederholte Kälteexposition als bedeutender physiologischer Reiz wirken kann, der die Zellen dazu anregt, sich an thermischen Stress anzupassen und die Proteinstabilität aufrechtzuerhalten.
Über diese zelluläre Reaktion hinaus löst das Eintauchen in kaltes Wasser eine ausgeprägte periphere Gefäßverengung aus, wodurch der Blutfluss in der Oberschenkelarterie reduziert und die Herzfrequenz unter das Ruheniveau gesenkt wird. Diese thermische Belastung versetzt den Körper in einen energieintensiven Zustand, da er daran arbeitet, seine Kerntemperatur aufrechtzuerhalten. Das Eintauchen in kaltes Wasser erhöht zudem den Sauerstoffverbrauch nach dem Training (EPOC) deutlich, was den zusätzlichen Energiebedarf für die Thermogenese und die Wiederherstellung der Kerntemperatur widerspiegelt.
Die überraschenden Vorteile des Badens in heißem Wasser
Während Kälteeinwirkung offenbar bestimmte zelluläre Anpassungen fördert, zeigte sich bei der Auswertung, dass das Eintauchen in heißes Wasser ganz eigene Vorteile mit sich bringt.
Für alle, denen Erholung und Regeneration wichtig sind, kann ein heißes Bad ein besonders nützliches Mittel sein. Das Eintauchen in heißes Wasser (HWI) war die einzige Strategie in der Übersichtsarbeit, die signifikante Verbesserungen der Schlafqualität und eine Verringerung der Müdigkeit zeigte. Durch die Beeinflussung der Wärmeregulierung kann das Eintauchen in heißes Wasser den Übergang in den Schlaf erleichtern.
Zusätzlich zu diesen Effekten wurde HWI in einigen Studien mit einem günstigeren Hormonprofil in Verbindung gebracht. Insbesondere wurde eine wiederholte HWI über vier Wochen hinweg mit erhöhten Testosteronwerten im Ruhezustand zu Beginn der Studie assoziiert. Auch wenn dieser Befund im Zusammenhang mit der Trainingsanpassung interessant ist, lässt ein Anstieg des Testosteronspiegels allein noch nicht den Schluss zu, dass HWI die Muskelregeneration oder -hypertrophie direkt fördert.
HWI sorgt außerdem durch Gefäßerweiterung für eine Aufrechterhaltung der Durchblutung. Im Laufe der Zeit erwies sich wiederholtes HWI als wirksamer als Kaltbäder, um die Ausgangswerte der Kreatinkinase – ein häufig verwendeter Biomarker für Muskelschäden – zu senken.
Strategisches Timing und biologische Individualisierung
Um das Beste aus diesen thermischen Methoden herauszuholen, müssen der richtige Zeitpunkt und die individuellen biologischen Gegebenheiten berücksichtigt werden.
Die Untersuchung ergab, dass die Anwendung von CWI unmittelbar vor explosiven Übungen mit einer Verringerung der anaeroben Leistung um 2,4 % einherging, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass eine niedrigere Muskeltemperatur die Nervenleitung und die Muskelfunktion beeinträchtigen kann. Umgekehrt war die Anwendung von HWI vor dem Training mit einer Steigerung der explosiven Leistung um 2,2 % verbunden.
Auch nach dem Krafttraining kann der Zeitpunkt eine Rolle spielen. Da das Eintauchen in kaltes Wasser bestimmte Entzündungs- und zelluläre Signalreaktionen abschwächen kann, könnte wiederholtes Eintauchen in kaltes Wasser unmittelbar nach dem Krafttraining einige der Prozesse beeinträchtigen, die an der Muskelhypertrophie beteiligt sind. Das bedeutet nicht, dass jede Kälteexposition nach dem Krafttraining das Muskelwachstum verringert, aber es deutet darauf hin, dass der Zeitpunkt der Kälteexposition im Hinblick auf die spezifische Anpassung, die ein Sportler erreichen möchte, berücksichtigt werden sollte. Schließlich spielen biologische Geschlechtsunterschiede eine wichtige Rolle. Während sich ein Großteil der bisherigen Forschung auf Männer konzentriert hat, haben Studien mit Frauen unterschiedliche Reaktionen gezeigt, darunter auch Unterschiede bei der Kreatinkinase nach dem Eintauchen in kaltes Wasser (HWI). Unterschiede im subkutanen Fettgewebe und in der Hormonphysiologie könnten zu diesen Abweichungen beitragen, was die Notwendigkeit individuellerer Ansätze bei der thermischen Belastung unterstreicht.
Anstatt Kälte und Wärme als konkurrierende Erholungsmethoden zu betrachten, deuten die Erkenntnisse auf einen strategischeren Ansatz hin. Die Wassertemperatur lässt sich wie ein physiologischer Regler einsetzen, wobei unterschiedliche Temperaturen unterschiedliche Herausforderungen und Anpassungen hervorrufen. Das Ziel ist nicht einfach nur, sich schneller zu erholen, sondern zu verstehen, wie der Körper auf Stress reagiert, und diese Reaktion gezielt zu nutzen, um Erholung, Anpassung und Belastbarkeit zu fördern.